Alice im Wunderland

Ein Mann mit grauen Haaren und hängenden Schultern kommt in Jeans und grauem T-Shirt auf die Bühne. Um mich herum brandet Applaus auf, die Menschen stehen von ihren Stühlen auf, klatschen, johlen, pfeifen. Ich drücke mich noch etwas tiefer in meinen Sitz, halte die Hand des Mannes neben mir und mit der anderen meinen vorgewölbten Bauch. Mein Vorbild steht auf der Bühne, Stephen King sieht etwas verloren auf der Bühne auf, ein bisschen so, als wollte er sich und uns alle fragen, was er, aber vor allem – was WIR hier machen? Einem alten Mann Jubelschreie entgegen bringen, wo er doch weder ein Dessous-Model, noch einer von den Backstreet Boys ist.

Ich bin mit den Gedanken schon abgeschweift. Die Zeituhr in meinem Kopf ist um ein Jahr zurück gespult. Ich sitze auf einem Stuhl zwischen anderen Studenten und ältere Semestler imitieren Alice im Wunderland, um uns zu demonstrieren, wie zauberhaft das Unileben doch sei. Der Grinsekater und das ständig gehetzte Kaninchen klären uns über all das auf, woran ich nie teilnehmen werde: Partys, die besten Bars der Stadt, Studentenwohnheime. Über unseren Köpfen baumeln Pik As, Herz König und Kreuz Acht. Auf jeder der Karten steht ein Name. Unsere Namen. Der Mann, mit dem ich ein Baby bekommen und zusammen ziehen werde, sieht mich an und wieder weg. Später gehen wir zusammen Mittagessen und unterhalten uns über die Zeit, das Leben und die Schönheit der Mathematik. Wir wissen noch nichts von der Zukunft. Aber der Winter, der uns aneinander näher bringen wird, liegt schon in der kühlen Oktobersonne. Man kann den Schnee, der in diesem und Anfang des nächsten Jahres zuhauf fallen wird, schon riechen.

Ob wir an jenem Tag in den Kaninchenbau gefallen sind, wie damals Alice in das Wunderland? Ich könnte jetzt von diesem wunderbaren Jahr schreiben, das mich – uns – so reich beschenkt hat, dass man es kaum für möglich hält. Dieses Jahr gleicht für mich einem Wunder. Ich würde euch so gerne von diesem Haus erzählen, von einer atemberaubenden Reise, von der Großzügigkeit, die das Leben für uns übrig hat, wenn wir es nur darum bitten. Ich schrieb im Dezember 2012 einen Brief an das Leben, gefüllt mit meinen Wünschen für das kommende Jahr. Ich denke oft an diesen Brief. Ich spreche nie über ihn. Aber ich werde in diesem Jahr wieder einen schreiben.

Ich würde euch gerne von diesem, meinem Leben erzählen. Davon, wie ich die Dunkelheit der letzten Jahre ablegte wie einen zu groß geratenen Mantel. Aber manche Dinge darf man nicht laut aussprechen. Weil jedes Wort zu klein für die Großartigkeit dieser Dinge ist.

Der Schriftsteller auf der Bühne schlägt ein Buch (nein, eigentlich sein iPad) auf und beginnt, zu lesen. Als er fertig ist, den Kopf hebt und das Buch zuschlägt (nein, eigentlich sein iPad, aber Buch klingt so viel schöner), schließt sich für mich ein Kreis.

Danke, liebes Leben.