Klassentreffen

Es war einmal…

… eine Schulklasse, die ihren Abschluss machte. Sommer 2004. Damals erklärte mir meine Freundin: “Und in zehn Jahren machen wir unser erstes Klassentreffen!” In den letzten zehn Jahren hat besagte Freundin immer wieder davon gesprochen und darum wundert es mich auch kein bisschen, dass sie es ist, die genau das für diesen Sommer organisiert hat: Klassentreffen. In den letzten Jahren habe ich vor ihr immer wieder betont, dass mich keine zehn Pferde dorthin kriegen werden, dass es ohnehin nur ein verspätetes, pubertäres Gehabe ist, ähnlich wie kleine Schuljungs ihr Gemächte in der Umkleidekabine miteinander vergleichen.

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Ich tat immer etwas arrogant, gleichgültig. Tatsächlich hatte ich in den letzten zehn Jahren aber genau ein Problem: Ich wusste nicht, als was für ein Mensch ich in die Heimat einkehren wollte. Meine damalige Deutschlehrerin erklärte einst versonnen vor versammelter Mannschaft, ich würde einmal Chefredakteurin der Süddeutschen sein. Sie glaubte an mich, mein Talent, meine Ziele. Eine Freundin erklärte mir als Teenie, während wir biertrinkend (ja, sowas habe ich gemacht, ich pöhses Mädchen!) auf ihrem Bett im Schneidersitz saßen, ich sei so ein Typ. So ein Karrieretyp eben. Und? Was ist passiert? Ich stecke mit knapp 28 mitten im Studium. Ich habe also “nichts” vorzuweisen. Stattdessen ist etwas eingetreten, das mir in damaliger Jugend wirklich niemand zugetraut hätte: Ich habe Kinder. Eine Familie.

Mittlerweile freue ich mich auf das Klassentreffen, weil ich endlich bei mir angekommen bin, weil ich mich kennen gelernt habe und weiß, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein. Ich habe Liebe gefunden und darf Liebe geben, das ist für mich ein sehr viel größeres Geschenk und der größere Erfolg, als jede Karriere. Mein Selbstwertgefühl hängt nicht länger von beruflichen Erfolgen ab und ich bin mit vielen belastenden Themen der Vergangenheit im Reinen.
Im Leben kommt es immer anders, als man denkt. Als siebzehnjährige Göre war ich fest davon überzeugt, dass ich überhaupt keine Kinder haben werde. Das war nie ein Thema für mich, kein Wunsch und kein Gegenstand meiner Zukunftsvorstellungen. Ich sah mich verwegen an einem Schreibtisch sitzen, der in einer Großstadtwohnung steht, und an verregneten Tagen bei einem Glas Rotwein wichtige Sachen schreiben. Darüber kann ich heute herzhaft lachen.

Mich lehren meine Kinder jeden Tag viel mehr, als ich sie lehren kann. Sie lehren mich, wie wertvoll es für einen selbst ist, wenn man anderen von sich gibt. Und oft denke ich, dass ich das meiste im Leben nur deshalb gelernt habe, um meinen Kindern davon zu erzählen und es ihnen als Rüstzeug für ihr eigenes Leben mitzugeben. Ich glaube fast, dass es sehr vielen Mamas draußen so ergeht wie mir, dass sie sich durch ihre Kinder rund und erfüllt und angekommen fühlen – das hat die Natur schon ganz fein so eingerichtet, finde ich.

Aber noch etwas ist hier ganz wichtig: Ich darf meinen Kindern die Mutter sein, die ich selbst nie hatte. Ich darf ihnen all die Liebe zukommen lassen, die ich selbst von der meinen nie erhielt. Und somit schließt sich für mich ein schmerzhafter Kreis, ich versöhne mich gewissermaßen mit meiner Vergangenheit und kann loslassen. Und ich hoffe, dass der Tag kommt, an dem ich auch vergeben kann. Ich glaube nämlich fest an das Prinzip der Vergebung, ich glaube, dass darin eine große Erlösung liegt.

 

Jedenfalls: Klassentreffen 2014. Man ey, ich freu mich so sehr, all die Ar*schnasen wieder zu sehen!

 

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