Dschungelcamp: Angelina Heger wird virtuell gesteinigt

Ganz Deutschland ist heute beschäftigt: Angelina Heger zu bashen, weil sie sich gestern dazu entschied, den Dschungel mit den Worten: “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” zu verlassen.

Ich besaß nie einen Fernseher, dementsprechend hatte ich von all den Sendungen, über die man gemeinhin so sprach, keine Ahnung. Dann, eines Tages, schleppte der Bär so ein monströses Flachbildgedöns ins Haus. Vor einigen Tagen hatte ich dann meine Premiere: Das erste Mal Dschungelcamp schauen!

Ich war völlig geplättet von den beiden Moderatoren, die auf geschmacklosester Art und Weise lästerten. Klar, gehört zur Sendung, dennoch kräuseln sich bei mir die Fußnägel beim Gedanken daran, dass sich normal vernunftbegabte Wesen dafür hergeben. Ebenso die “Stars”: Für ein bisschen Ruhm und Kohle sind sie bereit, sich vor der gesamten Nation lächerlich machen, sich demütigen und erniedrigen zu lassen. Kakerlaken fressen, in Schei*ße baden und das allerbeste: sich gegenseitig so richtig schön fertig machen.

Brot und Spiele für den Mob!

Walter Freiwald, der sich einst als Bundespräsident bewarb, scheint sein Karriereaus bis heute nicht überwunden zu haben und kommentiert über seine Mitstreiterin Maren im Dschungeltelefon: “Wir müssen sie im Auge behalten” – WIR, als spräche er zu einem Kollegen. Nebenbei schwingt er sein nacktes Gemächte vor nächtlicher Kamera, ernennt sich selbst vorzeitig zum Dschungelkönig und zickt mit Softieschönling Aurelio herum. Ein Mann in diesem Alter mit so wenig Selbstwürde, das ist eigentlich ganz und gar nicht lustig, sondern mehr als tragisch.

Tja und dann das Mäuschen Angelina Heger. Eine blutjunge, wunderschöne Frau an der Schwelle zum Erwachsenwerden und über deren Scheitern die ganze Nation lacht, als wäre sie eine Looserin, der mal gehörig der Hintern versohlt gehört. Dabei ist sie lediglich ein junger Mensch, der sich ausprobiert und gerne Ruhm hätte – doch mal ehrlich, ein Geltungsbedürfnis haben alle Menschen und ich hätte auch lieber ein gut gepolstertes Konto. Nur dass RTL eben genau jene Bedürfnisse schamlos ausnutzt.

Wenn man heute auf die Facebook Seite von Angelina Heger liest, kann einem eigentlich nur schlecht werden. Da wird ein Mädchen, das ihr Herz auf der Zunge trägt, virtuell gesteinigt, als wäre SIE die Looserin, weil sie den Dschungel nicht gepackt hat. Doch die tatsächlichen Looser sind wir – die Zuschauer – die den Schwachsinn allabendlich anschauen und sich damit das Hirn durchlöchern lassen wie Schweizer Käse.

Brot und Spiele für den Mob….

Patchwork

“Und?” Der Psychologe schaut mich über den Rand der Brille hinweg an. Seine in Lederhosen verpackten Beine sind übereinander geschlagen, das obere wippt auf und ab. “Würden Sie ihn wieder nehmen?” Er nickt in Richtung des Bären, der mich unter hochgezogenen Augenbrauen nervös angrinst.

Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Die letzten Jahre rauschen wie ein Schnellzug pfeifend durch meinen Kopf: Wie wir eine Nacht in meiner Studentenwohnung verbracht haben, zu einer Zeit, da ich so wenig Geld hatte, dass lediglich eine nackte Glühbirne von der Decke baumelte. Wie wir uns nur von unseren Leben erzählten, uns noch gar nicht richtig kannten, und ich trotzdem wusste: Das ist der Mann, den ich für den Rest meines Lebens lieben werde. Ich denke an unsere Söhne, die vom ersten Augenblick an so gut zueinander passen, als hätte uns der liebe Gott die Kinder aus genau diesem Grund so zugeteilt. Ich denke an die Mutter seiner mitgebrachten Kinder, die meine Schwangerschaft mit einem “Schwa*nzlut*scher” in Richtung des Bären kommentierte und einen schier endlosen Hass auf mich entwickelte, was wiederum mich sehr verletzt hat. Ich denke an Konkurrenzkämpfe zwischen den Kindern und daran, wie ich mit einem “Du bist ne tolle Stiefmama” gedrückt werde. Ich denke an Lachen und Weinen, an Verletzungen, emotionalen Verstrickungen, Machtkämpfen, Beschimpfungen und an Anrufe bei Nacht, weil es draußen gewittert.

DSC_0164

Ich denke an die Geburt unserer Tochter, die so perfekt und wunderschön war.

Ich denke an ein Weihnachten, an dem wir zusammen verkrampft feiern und eines, an dem wir genau das ablehnen. Ich denke daran, wie verdammt schwer das alles gewesen ist und dass wir mehr als einmal nicht gewusst haben, ob das, was wir tun und wie wir entscheiden, richtig ist. Ich denke daran, dass ich ursprünglich ein Kind wollte und wie ich nachts eine Nachricht bekomme, dass ich mich ohnehin irgendwann allein um alle fünf Kinder zu kümmern habe. Ich denke an die Hand des Bären, die im Schlaf im Dunkeln nach meiner tastet, danach greift und sich auf´s pochende Herz legt.

“Ja”, sage ich und grinse dem Bären zu. Der Psychologe nickt und notiert meine Antwort in sein Büchlein.

Patchwork – das ist eine aus Stoffresten zusammengenähte bunte Decke. Bei solch einer Familie bekommt man allerdings nur die Stoffreste, zusammen nähen muss man selbst.